Vom 7. bis 10. September 2026 wurde Luxemburg zum Treffpunkt der psychologischen Forschung. Prof. Dr. Patrick Müller sowie HFT-Doktorand:innen Malin Wenzke und Mikael Bagratuni stellten beim 54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) aktuelle Forschungsprojekte vor. Die Beiträge reichten von Glaubwürdigkeitsurteilen bei KI-gestützten Übersetzungen über die Bewertung KI-generierter Kunst bis hin zu digitalen Nudges für eine nachhaltigere touristische Mobilität.

Der Kongress stand unter dem Motto „Haltung. Vielfalt. Zukunft.“ und rückte unter anderem die Themen digitale Transformation und Künstliche Intelligenz sowie die Psychologie nachhaltigen Verhaltens in den Mittelpunkt. Damit bot das Programm einen passenden Rahmen für die drei HFT-Beiträge, die psychologische Grundlagenforschung mit konkreten gesellschaftlichen und praktischen Anwendungsfragen verbinden.

Maschinelle Übersetzung und Glaubwürdigkeit: KI im Kontext der Lügendetektion

Prof. Dr. Patrick Müller stellte Ergebnisse einer Studie vor, die im Rahmen der Masterarbeit von Hannah Strerath im Studiengang Wirtschaftspsychologie der HFT Stuttgart entstanden ist. Im Zentrum stand die Frage, wie maschinelle Übersetzung, etwa durch Systeme wie DeepL oder Google Translate, die Wahrnehmung der Glaubwürdigkeit schriftlicher Aussagen beeinflusst und ob sie bekannte Verzerrungen gegenüber Nicht-Muttersprachler:innen verringern kann.

In der quantitativen Online-Studie bewerteten 335 Deutsch-Muttersprachler:innen schriftliche Aussagen. Systematisch variiert wurden der Wahrheitsgehalt der Aussage, der sprachliche Hintergrund der sendenden Person sowie die Textversion – englisches Original oder maschinell ins Deutsche übersetzte Fassung. Die Auswertung erfolgte mit logistischen Mehrebenenmodellen.

Die Ergebnisse zeigen: Maschinell übersetzte Aussagen wurden insgesamt als weniger glaubwürdig eingeschätzt als die Originaltexte. Gleichzeitig veränderte die Übersetzung den bestehenden Glaubwürdigkeitsbias gegenüber nicht-muttersprachlichen Sender:innen nicht. Die Studie macht damit deutlich, dass KI-basierte Übersetzung zwar die sprachliche Form und Wahrnehmung einer Aussage beeinflusst, bestehende soziale Verzerrungen in Glaubwürdigkeitsurteilen aber nicht automatisch aufhebt.

Wie wir kreativen Wert zuschreiben: Human-Label steigert die wahrgenommene Kreativität

Mikael Bagratuni präsentierte das Poster „How Creative Value Is Assigned in AI Art: Effects of Labeling and Professional Identity“. Die gemeinsam mit Prof. Dr. Patrick Planing und Prof. Dr. Patrick Müller durchgeführte Studie untersucht, ob identische KI-generierte Kunstwerke unterschiedlich bewertet werden, je nachdem, ob sie als „KI-generiert“ oder „menschengemacht“ gekennzeichnet sind.

In der experimentellen Studie mit 186 Personen, darunter 64 professionelle Kunstschaffende und 122 Nicht-Künstler:innen, bewerteten die Teilnehmenden sechs tatsächlich KI-generierte Gemälde. Drei Werke wurden jeweils als KI-generiert und drei als menschengemacht ausgewiesen; zusätzlich wurde die Darstellung von KI als Bedrohung, als kollaborative Chance oder neutral variiert.

Über alle Bedingungen hinweg erhielten Werke mit einem Human-Label höhere Kreativitätsbewertungen als dieselben KI-generierten Werke mit KI-Label. Dieser Attributions-Effekt wurde durch die vorherige Bedrohungs- beziehungsweise Chancenrahmung nicht verstärkt. Besonders auffällig war jedoch der Unterschied zwischen den Gruppen: Nicht-Künstler:innen orientierten sich deutlich stärker am Urheber-Label, während professionelle Kunstschaffende wesentlich weniger davon beeinflusst wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass kreativer Wert nicht allein am Werk selbst festgemacht wird, sondern auch durch Informationen über die vermeintliche Urheberschaft und durch professionelle Erfahrung geprägt sein kann.

Digitale Nudges für eine nachhaltigere Anreise im Tourismus

Malin Wenzke stellte Forschung aus dem Projekt „Target Nudging“ mit der Schweizer Destination Arosa vor. Da ein großer Teil der tourismusbedingten Emissionen durch die An- und Abreise entsteht, untersucht das Projekt, wie Reisende mit digitalen, verhaltenswissenschaftlich gestalteten Impulsen zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel motiviert werden können – ohne ihre Entscheidungsfreiheit einzuschränken.

In einem Online-Pre-Post-Experiment mit einer repräsentativen Stichprobe urban lebender Double-Income-No-Kids-Haushalte in der Schweiz (N = 413) wurden verschiedene digitale Nudges getestet. Die stärksten Zuwächse in der Absicht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Arosa zu reisen, zeigten Interventionen, die soziale Normen, hedonische Motive und identitätsstiftende Informationen ansprachen. Zugleich zeigte sich, dass Vertrauen in Arosa als Absender der Interventionen deren Wirksamkeit nicht moderierte.

Die Studie liefert damit konkrete Anhaltspunkte für eine evidenzbasierte Nachhaltigkeitskommunikation im Tourismus: Nicht allein Umweltargumente, sondern insbesondere soziale, emotionale und identitätsbezogene Botschaften können für die Gestaltung wirksamer Mobilitätskommunikation relevant sein.

Forschung, Lehre und Promotion greifen ineinander

Die drei Beiträge verdeutlichen zugleich die thematische Breite der psychologischen Forschung an der HFT Stuttgart. Sie verbinden Fragen der Mensch-KI-Interaktion und Technologieakzeptanz mit Forschung zu nachhaltigem Verhalten und zeigen, wie unterschiedliche Qualifikationsstufen ineinandergreifen: von einer Masterarbeit über Promotionsprojekte bis zur professoralen Forschung.

Für die HFT Stuttgart bot der DGPs-Kongress darüber hinaus die Möglichkeit, aktuelle Ergebnisse in die wissenschaftliche Community einzubringen, neue Impulse aufzunehmen und den fachlichen Austausch über Hochschul- und Ländergrenzen hinweg zu vertiefen.

Veröffentlichungsdatum: 07. Oktober 2026
Von Mikael Bagratuni (mikael.bagratuni@hft-stuttgart.de)