Prof. Dr. Heidrun Bögner-Balz ist nicht nur Professorin an der HFT Stuttgart, sondern leitet gleichzeitig auch die Öffentliche Baustoffprüfstelle Leichtbau (ÖBP Leichtbau). Im Gespräch mit ihr ging es um die Leistungen für Architekt:innen, Planungsbüros und Projektträger weltweit.
Wie ist die öffentliche Baustoffprüfstelle an der HFT Stuttgart entstanden?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Die öffentliche Baustoffprüfstelle (ÖBP) an der HFT Stuttgart wurde 1962 gegründet mit dem Schwerpunkt der Überwachung von Beton. Sie ist eine seit Jahrzehnten anerkannte Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle für Betone und Bindemittel für die Herstellung von Halbstarren Deckschichten sowie für Leichtbetone.
Welche Dienstleistungen bietet die Öffentliche Baustoffprüfstelle an?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Ob Prüfungen, Überwachungen oder eine Zertifizierung für einen Baustoff erforderlich ist, regeln die technischen Baubestimmungen MvvTB , in Baden-Württemberg die VwVTB.
Im Rahmen der Fremdüberwachung nach DIN 1045-2 und DIN 1045-3 überwacht die ÖBP Beton auf Baustellen und führt die Fremdüberwachung und Zertifizierung in Transportbeton- und Trockenbetonwerken durch.
Dieser in der Fakultät B angesiedelte Bereich bestand bisher aus der ÖBP und dem Labor für Baustoffprüfung, in dem Laborprüfungen für die ÖBP aber auch für die Lehre durchgeführt werden.
2023 habe ich das Materialexperimentierlabor (MatExLab) im Rahmen des StEP gegründet, in dem mit neuen, nicht normierten Baustoffen und Prüfverfahren experimentiert werden darf. Und 2025 kam die ÖBP Leichtbau dazu. Materiallabore sind hierzulande häufiger an Hochschulen zu finden, da es dort sowohl die Fachleute, als auch die notwendigen, oft teuren, Prüfeinrichtungen gibt.
Wo liegen die Arbeitsschwerpunkte der Öffentlichen Baustoffprüfstelle Leichtbau?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Wir bieten Prüf- und Überwachungstätigkeiten im Hinblick auf Materialien und Verbindungen an – beim Materialhersteller, beim konfektionierenden Betrieb, der die Membranen für die spätere Installation auf der Baustelle zuschneidet und verbindet, oder auf der Baustelle. Wir machen Vor-Ort-Messungen, erstellen Gutachten und sind in der Forschung und Materialentwicklung aktiv.
In vielen Ländern gibt es keine gesetzliche Regelung zur Prüfung und Überwachung von Baustoffen. Dort gibt es jedoch Großprojekte, in denen projektbegleitend eine Qualitätssicherung meist vom Tragwerksplaner gefordert ist. Hier sind wir weltweit tätig.
Was unterscheidet die Öffentliche Baustoffprüfstelle Leichtbau an der HFT Stuttgart von anderen Dienstleistern?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Wir bieten die Prüfung der mechanisch-technologischen Eigenschaften von beschichteten Geweben und Folien und deren Verbindungsmitteln an. In diesem Bereich arbeiten wir nicht nur in der Qualitätssicherung, sondern auch in der Materialentwicklung und in der Forschung. Im Leichtbau gibt es nur wenige Labore weltweit, die sich mit Membranbau beschäftigen, und kaum eines mit unserer Erfahrung.
Was hat sich 2025 geändert?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Die HFT Stuttgart hat die Ausstattung des früheren Labors für technische Textilien und Folien, das ich geleitet habe, von der DEKRA Automobil GmbH übernommen. Neben mir sind im Zuge dessen auch Mitarbeiter an die HFT Stuttgart gewechselt.
Wie ist die Öffentliche Baustoffprüfstelle der HFT Stuttgart ausgestattet?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Unser Highlight ist die weltweit größte zweiachsige Prüfmaschine für Gewebe und Folien mit einem breiten Spektrum von Prüfmöglichkeiten und einer Temperaturkammer. Die Maschine und Prüfsoftware sind Eigenentwicklungen. Darüber hinaus verfügen wir über eine Universalprüfmaschine mit Heiz- und Kühlmöglichkeit, optischer Dehnungsmessung und selbstentwickelten Klemmeinrichtungen. Weitere Eigenentwicklungen sind ein Membranspannungsmessgerät zur Messung der Spannung vor Ort, ein Langzeitprüfstand, Faltapparate uvam.
Welche Referenzprojekte als PÜZ gibt es im Bereich Leichtbau?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Projekte, an denen wir mitwirken, sind das Grand Stade de Tanger in Marokko, die Erdfunkstelle ‚Radom‘ in Raisting und das Stadion in Valencia, das 2027 fertiggestellt wird.
Wo geht die Reise hin?
Prof. Dr. Bögner-Balz
Wir werden weltweit Projekte begleiten und an Material- und Prüfentwicklungen arbeiten. Mein Ziel ist es Forschung im Leicht- und Membranbau mit der Lehre zu verbinden – und dabei für die Studierenden einen hohen Praxisbezug zum ressourcenschonenden Leichtbaubereich herzustellen.
Herzlichen Dank für das Interview!