Die Stadt als Interieur

Grundlagen der Gestaltung im Sommersemester 2018

Am 11. April 2016 traf sich der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, mit Vertretern der venezianischen jüdischen Gemeinden und genehmigte ein Dokument, das ganz Venedig – Straßen, Plätze und Häuser – als einen Ort der Bürger betrachtet. Das traditionelle jüdische Gesetz verbietet es nämlich, während und nach Feiertagen Gegenstände zwischen privatem und öffentlichem Raum zu bewegen. Auf Grundlage der einzigartigen Struktur und Geschichte der Stadt hebt die offizielle Anerkennung von Venedig als „ein Haus“ die Grenzen zwischen privat und öffentlich auf und ermöglicht gläubigen Juden sich auch an diesen Tagen frei zu bewegen.

Im Rahmen der Exkursionswoche 2018 analysierten die 50 Studierenden des dritten Semesters im Bachelor-Studiengang Innenarchitektur jeweils einen Campo als Wohnzimmer des Hauses Venedig kennen und dokumentierten räumliche Eigentümlichkeiten und Qualitäten in Form von Freihandzeichnungen, Fotografien und Architekturbeschreibungen. In Anlehnung an das Buch „Auftritte Scenes“ von Alban Janson und Thorsten Bürklin verzichtet die modellhafte Umsetzung der Campi bewusst auf architektonische Details und fokussiert auf die Gestalt, die Erschliessung und die szenische Wirkung dieser Bühnen im venezianischen Stadtgewebe.

Prof. Andreas Kretzer

Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. Diese kurzen Expositionen sind von einer geradezu theatralischen Obszönität und haben zugleich etwas von einer Verschwörung an sich, in die man ungefragt und unwillentlich einbezogen wird.

Winfried Georg Sebald

Die gesamte Stadt kann als ein großes Haus betrachtet werden.