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Mit eigenen Ersparnissen den Klimaschutz finanzieren

Prof. Dr. Tobias Popovic hielt einen TEDx Stuttgart Talk über sein Forschungsthema Sustainable Finance – nachhaltige Finanzwirtschaft

Prof. Dr. Tobias Popovic vom Studienbereich Wirtschaft der HFT Stuttgart und Co-Leiter des Zentrums für Nachhaltiges Wirtschaften ist Experte im Bereich Sustainable Finance (Nachhaltige Finanzwirtschaft). Er war Redner beim TEDxStuttgart 2020 Sein Thema: „Sustainable Finance – Wie man mit Geld wirksam den Klimawandel bekämpfen kann.“

Herr Popovic, Sie haben am TEDx-Talk teilgenommen. Wie war diese Erfahrung für Sie? Wie kamen Sie dazu, dort mitzumachen?

Tobias Popovic: Hintergrund war, dass über das M4_LAB Team vom TEDxStuttgart-Team angesprochen wurde, ob ich mir einen TEDx-Talk vorstellen könnte. Das für mich überzeugende Argument für eine Teilnahme war, dass die HFT mit ihren Forschungs- und Transfer-Themen sichtbarer werden kann. Und wenn ich dazu was beitragen kann, dann gerne. Aber es war auch eine sehr vorbereitungsintensive Zeit.

Was bedeutet es, nachhaltig zu investieren? Und warum sollten wir es tun?

Tobias Popovic: Unser Geld oder der Kapitalmarkt sind grundsätzlich erst einmal neutral, also weder gut noch böse. Es kommt immer darauf an, wofür sie eingesetzt werden. Beides kann einen positiven ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen – oder auch Impact – stiften. Aber leider auch einen negativen. Das ist bislang nicht vielen bewusst. Unterschiedliche Studien zeigen: das Vermögen des Durchschnittskunden in Deutschland, das bei herkömmlichen Banken, Versicherungen, Fondsgesellschaften angelegt ist, finanziert quasi automatisch auch Dinge, deren gesellschaftlicher und ökologischer Nutzen nicht so positiv ist; wie etwa Atomenergie, Waffen, Rüstung, Pornographie, Kohlekraftwerke und anderes. Das Schöne ist, dass es mittlerweile sehr konsequente, nachhaltig orientierte Banken gibt. Hierzu gibt es beispielsweise zahlreiche fundierte Testberichte oder erste Gütesiegel, auch für Geldanlagen im Fondsbereich. Und vielleicht das Wichtigste: Zahlreiche Studien zeigen, dass man bei nachhaltigen Geldanlagen beziehungsweise Sustainable Investments gegenüber herkömmlichen Geldanlagen keine schlechtere Rendite-Risiko-Relation in Kauf nehmen muss.

Wie greifen Sie das Thema Nachhaltige Finanzwirtschaft an der HFT auf?

Tobias Popovic: Aufbauend auf bereits seit über zehn Jahren laufenden Forschungsaktivitäten im Bereich Sustainable Finance und Umweltorientierte Logistik sowie eine zunehmende Beteiligung an inter- und transdisziplinären Forschungsprojekten haben Andrea Lochmahr und ich 2013 das Zentrum für Nachhaltiges Wirtschaften und Management (ZNWM) initiiert. Das kam damals einigen noch ein wenig exotisch vor. Mittlerweile hat sich dies jedoch geändert. Inzwischen werden wir auch immer mehr von externer Seite als Kooperationspartner wahrgenommen und angefragt. Im Bereich Sustainable Finance entwickeln wir zum Beispiel Finanzierungslösungen im Bereich Nachhaltigkeit. Ziel ist es, den Kapitalmarkt zunehmend für die Finanzierung von Investitionen in den Klimaschutz zu nutzen und zu erschließen.

Wie könnte so etwas aussehen?

Im Projekt Klimaneutraler Campus stand vor fünf Jahren auch  die Frage im Vordergrund, wie es gelingen kann, unseren Hochschulcampus in Richtung Klimaneutralität zu entwickeln. Hintergrund war das bei Amtsantritt anvisierte Ziel von Ministerpräsiden Winfried Kretschmann, bis 2040 eine klimaneutrale Landesverwaltung zu haben. Hierzu sind umfangreiche Investitionen nötig, die angesichts der hohen öffentlichen Verschuldung nicht nur vom Staat finanziert werden können. Finanzierungslösungen, die wir entwickelt haben, waren vor allem ein Green Bond-Konzept zur Finanzierung der energetische Gebäudesanierung von öffentlichen Liegenschaften. Aber auch andere Instrumente haben wir weiterentwickelt. So etwa Contracting, Crowdfunding oder genossenschaftliche Lösungen. Bei einer Hochschulgenossenschaft könnten sämtliche Hochschulangehörigen sowie „Friends & Families“ der HFT Miteigentümer werden.  Damit könnten sie nicht nur aktiv und basisdemokratisch den Klimaschutz mitgestalten, sondern, sie würden auch an Dividendenausschüttungen beteiligt werden, sobald Erträge erwirtschaftet werden.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Forschungsthema Sustainable Finance gekommen?

Tobias Popovic: Das Interesse hieran wurde bei mir bereits während des Studiums geweckt, zum durch Vorlesungen wie Umweltökonomie, wo wir damals bereits das Thema CO2-Beispiel Steuer und –Zertifikate nahegebracht bekamen, oder Umwelt- und Unternehmensethik. Auch hatte ich das Glück, am Institut von Prof. Ulrich Steger – einem Pionier auf dem Gebiet des Umweltmanagements – als wissenschaftliche Hilfskraft mitzuarbeiten. Aber auch durch die Finanzkrise vor zehn Jahren wurde ich in meiner Absicht bestärkt, nach Möglichkeiten zu suchen, wie Geld neben einem ökonomischen auch einen ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen stiften kann. Die Finanzkrise wurde ja letztlich über ein nicht-nachhaltiges, übertriebenes Renditestreben ausgelöst und durch die Pleite der systemkritischen Investmentbank Lehman Brothers beschleunigt. Zudem führt eine einseitige Fokussierung auf Shareholder-Maximierung zu Fehlentwicklungen. Die Finanzkrise habe ich in meinem „früheren Leben“ live miterleben können.  Damals war ich bei der DZ BANK in Frankfurt sowie als Verwaltungsratsmitglied der Zentralbank der spanischen Genossenschaftsbanken in Madrid tätig. Eine spannende Zeit mit einer steilen Lernkurve, die mich über das eine oder andere zum Nachdenken gebracht hat.

Mittlerweile gefährdet der Klimawandel auch zunehmend das Wirtschaftssystem: In dem diesjährigen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellten „Global Risks Report“ waren erstmalig alle Top-5-Risiken ökologische Risiken.

Prof. Dr. Tobias Popovic

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich mit einer nachhaltigen Finanzwirtschaft zu befassen?

Tobias Popovic: Zum einen ist es die wissenschaftliche Perspektive den Klimawandel betreffend. Die Faktenlage erscheint zunehmend erdrückend und jeden Tag lesen wir neue Hiobsbotschaften mit Blick auf den Klimawandel, aber zum Beispiel auch das Artensterben. Einige Klimaforscher sagen, wir stolpern von einem Worst-Case-Szenario in das nächste. Mittlerweile gefährdet der Klimawandel auch zunehmend das Wirtschaftssystem: In dem diesjährigen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellten „Global Risks Report“ waren erstmalig alle Top-5-Risiken ökologische Risiken. Also Risiken, die direkt oder indirekt mit dem menschengemachten Klimawandelt zusammenhängen. Als Familienvater betrachte ich das Thema auch vor dem Hintergrund der Generationengerechtigkeit. Schlussendlich sind wir alle nur Gast auf Erden und haben den Planeten von unseren Kindern geliehen. Die Frage ist, in welchem Zustand wollen wir die Erde hinterlassen?

Wie steht es um die Bereitschaft in Deutschland, nachhaltig zu investieren? 

Tobias Popovic: Unterschiedlichen Studien zufolge würden 40% der Privatanleger in Deutschland ihr Geld gerne nachhaltig anlegen. Der aktuelle Marktanteil beträgt jedoch nur ca. 5%. Angenommen, nur 20% der Bankeinlagen würden nachhaltig investiert werden, so wären das rund 500 Milliarden Euro. Das wäre ca. das 1,5-Fache des Haushalts der Bundesregierung in einem normalen Jahr. Ein gewaltiger Hebel.

Welche politischen Initiativen gibt es, um Anreize für nachhaltige Investitionen zu schaffen?

Innerhalb der EU gibt es durch den „EU-Aktionsplan zur Finanzierung Nachhaltigen Wachstums“ inzwischen Rückenwind. Das erste Oberziel ist die Umlenkung von Kapitalströmen in nachhaltige Investitionen in der Realwirtschaft. Sämtliche Finanzdienstleister werden durch die zehn Maßnahmenpakete des Aktionsplans hierfür in die Pflicht genommen. Zudem weist etwa der EU Green Deal in eine ähnliche Richtung. Meine Hoffnung ist, dass wir uns damit auf den Weg in eine sozial-ökologische Marktwirtschaft machen. Wenn die Unternehmensfinanzierung und die Kapitalkosten zukünftig auch von Nachhaltigkeitskriterien abhängig sind, wird dies zwangsläufig Auswirkungen auf die Strategien und Geschäftsaktivitäten von Unternehmen in der Realwirtschaft haben.

Was ist Ihre Vision in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Tobias Popovic: Ich habe die Hoffnung, dass wir uns alle – schließlich sind wir als Konsumenten der Markt – in zehn Jahren wesentlich nachhaltiger verhalten. Ein erster Ansatzpunkt könnte – neben einer nachhaltigen Geldanlage – das Bedienen eines Klimarechners sein, zum Beispiel vom Umweltbundesamt. Dort sieht man mit wenig Aufwand den eigenen CO₂-Fußabdruck und in welchen Alltagsbereichen er sich wie reduzieren lässt. Darüber hinaus hoffe ich, dass wir das Potenzial des Kapitalmarktes zum Gelingen einer großen Transformation in Richtung sozial-ökologische Marktwirtschaft nutzen. Da steckt auch viel Innovationspotenzial drin – Transformation durch Innovation!

Inwiefern passt Ihre Vision zum Leitbild der HFT?

Tobias Popovic: Der neue Leitbildprozess ist gerade erst angestoßen worden und liegt auch nicht in meiner Verantwortung. Insofern kann ich nicht viel dazu sagen. Aber meine Hoffnung wäre, dass sich auch die Hochschule in Richtung Nachhaltigkeit weiterentwickelt. Vorarbeiten gibt es hierzu. In meiner Zeit als Nachhaltigkeitsbeauftragter haben wir im Netzwerk der Nachhaltigkeitsbeauftragten in Baden-Württemberg 2012 die sogenannten Gestaltungsfelder für Nachhaltigkeit an Hochschulen entwickelt. Im Gestaltungsfeld Betrieb haben wir an der HFT zum Beispiel als eine der ersten Hochschulen in Deutschland ein nach EMAS-zertifiziertes Umweltmanagementsystem aufgebaut. Sehr gefreut hat mich natürlich, dass wir Anfang 2017 in einem Bericht an das Weltwirtschaftsforum als eines von 30 Best-Practice-Beispielen für nachhaltige Hochschulen weltweit erwähnt wurden.

Wird das auch die Wirtschaft verändern, wenn Absolventinnen und Absolventen von den Hochschulen fundiertes Wissen im Bereich nachhaltige Finanzwirtschaft besitzen?

Tobias Popovic:Im Netzwerk der Ethikbeauftragten der Hochschulen in Baden-Württemberg ist es uns ein Anliegen, die Hochschulen als Teil der Gesellschaft zu sehen, deren Aufgabe es auch ist, verantwortungsvolle Fach- und Führungskräfte auszubilden; also junge Menschen zu einem verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Umgang mit komplexen Herausforderungen zu befähigen, damit sie sinnstiftende Lösungen für die Gesellschaft entwickeln können.

Veröffentlichungsdatum: 11. November 2020 Von Susanne Rytina ()